Leseprobe aus „blind + blond = blöd?“ von Michaela Eiben

Berührungsängste

Das Zusammentreffen von Kindern und behinderten Menschen ist einfach toll. Mit ihnen ist am Besten auszukommen. Sie sind offen und sagen immer das, was sie denken. Ich kann über den Umgang mit Kindern nur Gutes berichten. Kinder kommen sofort auf einen zu und stellen angstfrei ihre Fragen. Und wenn ich es ihnen erklärt habe, sind sie damit zufrieden. Sie nehmen mich so, wie ich bin. Bei uns zu Hause ist oft viel los. Dominik bringt oft Freunde mit heim. Nachdem ich es ihnen erklärt habe, ist Ruhe. Ich bin einfach Dominiks Mama. Sie können es annehmen ohne blöde Fragen zu stellen. Sie verstehen es und sehen ja auch, dass ich alles das mache, was ihre Mütter auch tun. Nur anders. Ich wäre schon glücklich, wenn die Erwachsenen so reagieren würden wie die Kinder. Beispiel: Ich war einkaufen. Als ich an der Kasse meine Sachen bezahlen wollte, stand eine Mutter mit ihrem Kind hinter mir. Ich hörte, wie der Junge seine Mutter fragte: „Mama, was hat die Frau da in der Hand?“ Er meinte natürlich meinen Blindenstock. Seine Mutter zog ihn beiseite und zischte ihm zu: „ Nicht so laut, sonst hört sie das.“ Ich fand das ziemlich doof. Der Junge hatte sie doch nur etwas gefragt und weil die Mutter Berührungsängste mit mir hatte, bekam er Ärger. Also drehte ich mich um und erklärte es dem kleinen Jungen. „Schau mal“, sagte ich zu ihm, „das ist ein Taststock. Den brauche ich, um zu laufen. Ich brauche den Stock, damit ich nicht falle. Ich kann nämlich nichts sehen.“ Der Junge sprach mich ganz freudig an: „Das ist ja toll. Sie tun sich auch bestimmt nicht weh?“ Ich erklärte ihm, dass man lernen muss, mit dem Stock zu laufen. Aber wenn man das gelernt hat, kann man fast unverletzt damit laufen. Und damit war das Thema für ihn durch. Hätte die Mutter ihm das sofort erklärt, wäre es nicht zu dieser peinlichen Situation gekommen. Aber Erwachsene haben einfach eine Angstschwelle. Wenn es die Zeit zulässt, versuche ich es immer den Kindern vor Ort zu erklären. Und seit einigen Jahren gehe ich als Referentin in Schulen. Im Sachkundeunterricht der 4. Klasse informiere ich die Kinder über alles rund um das Thema Blindheit. Die Kinder dürfen mich alles fragen und sind immer begeistert dabei.

Man muss keine Angst vor mir haben, nur weil ich einen Blindenstock in der Hand halte. Ich beiße nicht. Ich habe nur vor einiger Zeit mein Augenlicht verloren. Ich bitte Sie, haben Sie keine Angst, wenn Sie einen behinderten Menschen sehen. Trauen Sie sich, ihn das zu fragen, was Ihnen wichtig ist. Natürlich nicht, wie oft er auf‘s Klo geht und auch nicht, wieviel Sex er am Tag hat. Sie lachen, aber mich hat das schon mal jemand gefragt. Aus meiner Nachbarschaft. Sie glauben mir nicht? Es stimmt aber. Wir haben hier eine „Dorfzeitung“ in der Straße wohnen. Und als wir neu hierher umgezogen sind, hatte sie nichts Besseres zu tun, als mich auszufragen. Doch, solche Leute gibt es wirklich. Mich hat auch schon mal jemand in der Stadt gefragt, ob in meinem Stock ein Sensor wäre, weil ich so gezielt laufen würde. Auf die Idee, dass ich mir das mit viel Mühe erarbeiten musste, kommt meist keiner.
Der Hammer war aber, als ein fremder Mann mich in der Fussgängerzone plötzlich wortlos an der Schulter packte und mich auf die andere Seite zog, um mir dort zu sagen: „Hier gehen Sie besser.“ Das ging alles so schnell, dass ich gar nicht reagieren konnte. Ich habe nur den Kopf geschüttelt und gesagt: „Sie können mich doch nicht wortlos einfach woanders hin befördern.“
Wie schon gesagt, Kinder sind einfach anders. Erwachsene tun sich sehr schwer. Meist haben sie Berührungsängste oder sie meinen, man hat einen an der Klatsche. Auf die Idee, dass man in bestimmten Situationen einfach nur eingeschränkt ist, kommen sie nicht.


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